Bericht zum AIWG Kongress 2026
Bericht, 1. Juli 2026
„Der AIWG-Kongress 2026, der vom 12. bis 13. Juni bei Frankfurt am Main stattfand, unterstrich eindrücklich die gewachsene Bedeutung der Islamischen Theologie und Religionspädagogik im deutschsprachigen Raum. Beide Disziplinen haben sich in den vergangenen Jahren nicht nur institutionell etabliert, sondern übernehmen zunehmend eine Schlüsselrolle bei der wissenschaftlichen Einordnung gesellschaftlicher Entwicklungen, der Ausbildung von Fachkräften sowie der Gestaltung religiöser Bildungsprozesse in unserer pluralen Gesellschaft. Gerade vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Spannungen wird deutlich, dass ihnen eine besondere Verantwortung zukommt, differenzierte Deutungsangebote zu entwickeln, Diskursräume zu eröffnen und zur Versachlichung öffentlicher Debatten beizutragen. Der Kongress bot hierfür eine zentrale Plattform, auf der aktuelle Herausforderungen in den Bereichen Digitalität, Bildung und Seelsorge interdisziplinär reflektiert und mit praxisbezogenen Erfahrungen verknüpft wurden.
Im Panel „Muslimische Lebenswelten nach dem 7. Oktober: Auswirkungen und gesellschaftliche Herausforderungen“, geleitet von J.Prof. Dr. Ulvi Karagedik und moderiert von Sara Karakelle, diskutierten Prof. Dr. Naime Çakır-Mattner, Prof. Dr. Riem Spielhaus und Michaela Glaser, M.A., zentrale Dynamiken im Spannungsfeld von antimuslimischem Rassismus, Antisemitismus-Verdachtsdiskursen und Radikalisierungstendenzen. Die Beiträge machten deutlich, dass die Ereignisse vom 7. Oktober 2023 weniger als Bruch denn als Verstärkung bereits bestehender Muster zu verstehen sind, insbesondere im Hinblick auf Zuschreibungen, Zugehörig-keitsbedingungen und Formen des „Othering“. Zugleich wurde herausgearbeitet, dass dominante Diskurse häufig entlang einer „Wir-gegen-sie“-Logik verlaufen.
Die Diskussionen zeigten zudem, dass Radikalisierungsprozesse nicht primär aus religiösen Inhalten selbst hervorgehen, sondern aus Sinn- und Orientierungsangeboten, die insbesondere dort wirksam werden, wo lebensweltnahe Ansprechpersonen und glaubwürdige Alternativen fehlen. Digitale Räume und soziale Medien gewinnen in diesem Zusammenhang zunehmend an Bedeutung, da radikale Akteure gesellschaftliche Spannungen gezielt aufgreifen und instrumentalisieren. Daraus ergibt sich eine zentrale Aufgabe für die Islamische Religionspädagogik, die stärker befähigen muss, solche Strategien zu erkennen, kritisch zu reflektieren und durch tragfähige, lebensnahe Perspektiven zu ersetzen.
Insgesamt verdeutlichte das Panel ebenso wie der Kongress, dass die gegenwärtigen Entwicklungen sowohl wissenschaftlich als auch pädagogisch neue Anforderungen stellen. Zugleich eröffnen sich vielfältige Möglichkeiten für Kooperationen zwischen Hochschulen, Bildungsinstitutionen und zivilgesellschaftlichen Akteuren, um nachhaltige Formate für Austausch, Prävention und Empowerment zu entwickeln. Der Kongress bot hierfür wichtige Impulse, indem er Erfahrungsräume schuf, Vernetzung stärkte und Perspektiven für eine verantwortungsbewusste Weiterentwicklung von Forschung, Lehre und gesellschaftlicher Praxis im Bereich der Islamischen Theologie und Religionspädagogik aufzeigte.“
Aktualisiert am 1. Juli 2026 von Ulvi Karagedik