Gastspiel von Jörg Luibl - Vom Suchen, Scheitern und Erkennen: Was wir von Videospielen lernen können

Bericht, 1. Juli 2026


Egal, ob wir als Samus Aran fremde Planeten erkunden oder die melancholische Einsamkeit auf dem Pferderücken in Shadow of the Colossus spüren – Videospiele sind längst immersive Erfahrungswelten, die kulturelle Breitenwirkung entfalten. Doch welches spezifisch pädagogische Erkenntnispotenzial bergen sie? Im Rahmen des Seminars “Let’s Play: Games als pädagogische Erkenntnisquelle” (Dr. Fabian Mundt, Institut für Allgemeine und Historische Erziehungswissenschaft), das in Zusammenarbeit mit der “gameplay. the next level”-Ausstellung des ZKM angeboten wird, gab der bekannte Journalist und Chefredakteur Jörg Luibl (www.spielvertiefung.de) am 30. Juni in einem inspirierenden Gastspiel fundierte Antworten. Unter dem Titel Das Spiel, der Brunnen und die Eule lud er die Studierenden zu einer kulturhistorischen und selbstreflexiven Entdeckungsreise ein.

Sechs Thesen zur Erkenntniskraft des Spiels

Luibl räumte mit dem Vorurteil auf, Games seien bloßer Eskapismus, und formulierte stattdessen sechs Kernthesen zur epistemologischen Kraft des Videospiels. Spiele fungieren als digitale Kulturträger, die wie antike Sagen zeitlose Konflikte und historisches Wissen über Ländergrenzen hinweg transportieren. Psychologisch gesehen sind sie zudem Spiegel der Seele: Anhand eines historischen Beispiels aus der Kinderpsychiatrie der 1980er-Jahre verdeutlichte Luibl, wie das Rollenspiel Wizardry als therapeutisches Werkzeug genutzt wurde. In den Taten und Entscheidungen der digitalen Helden offenbaren sich die verdrängten Ängste und Sehnsüchte der realen Kinder.

Ebenso betonte er die Lust am Scheitern: Im geschützten Raum des Spiels lernen wir, Frustration produktiv zu nutzen und Fehler als notwendige Schritte zur Verbesserung zu begreifen – eine Resilienz, die der oft unbarmherzige Alltag selten verzeiht. Games zwingen uns in die moralische Verantwortung und fordern durch komplexe Entscheidungen unser ethisches Bewusstsein heraus. Wer diese Systeme durchschaut, wandelt sich im Laufe seiner Spielerbiografie: von der unvoreingenommenen und verspielten »Katze« über den nimmersatten »Vielfraß« hin zur weisen »Eule«, die das Spielgeschehen mit kritischem Abstand reflektiert und nach tieferer ästhetischer Bedeutung sucht.

Close Gaming: Spielen als analytische Praxis

Um diese verborgenen Schichten wissenschaftlich greifbar zu machen, stellte Luibl die Methode des Close Gaming vor, die sich an das Close Reading der Literaturwissenschaft anlehnt. Statt durch die Welten zu hetzen, geht es hierbei um das bewusste, verlangsamte Spielen und das präzise Protokollieren von Details. Erst durch diese systematische Dekonstruktion lässt sich entschlüsseln, wie Game Design Emotionen steuert und warum uns bestimmte virtuelle Erfahrungen so tief berühren. Am Ende zeigte sich: Wer tief genug in den Brunnen blickt, findet in Games eine unerschöpfliche Quelle der Selbst- und Welterkenntnis, der im weiteren Seminarverlauf nachgespürt wird.

Aktualisiert am 9. Juli 2026 von Fabian Mundt